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Runen und Runensteine

Ein Text von Raymond Ian Page

Man hat oft behauptet, daß die Wikinger weder lesen noch schreiben konnten, doch das stimmt nicht. Zugegeben, sie hatten im heutigen Wortsinn keine Schriftkultur, denn sie kannten keine Bücher. Aber sie besaßen ein Alphabet; dessen einzelne Zeichen, die Runen, verwendeten sie für verschiedene, auch magische Zwecke. Wie weit sie sie für praktische Alltagsdinge wie Nachrichten, Notizen, Eigentumsmarkierungen und ähnliches benutzten, ist umstritten. Es gibt nur wenige direkte Hinweise für den Gebrauch der Runen zu Handelszwecken in der Wikingerzeit, allerdings ist vieles dieser Art aus dem späteren Mittelalter unter städtischen Siedlungsfunden aus Trondheim und Bergen erhalten.
Die Runen wurden als Buchstaben zum Einritzen geschaffen; in der Wikingerzeit ritzte man sie in Holz, Knochen und Metall oder meißelte sie in Stein. Sie waren aber weder eine Erfindung der Wikinger - die ältesten erhaltenen Inschriften datieren in die Zeit um 200 n. Chr. - noch etwas spezifisch Skandinavisches. Viele germanische Völker verwandten sie, Kontinentalgermanen wie Alemannen, Franken, Thüringer, sowie Goten, Friesen, Angelsachsen und auch jene Nordgermanischen Völker, von denen die Skandinavier der Wikingerzeit abstammen. Zudem gab es nicht nur einen Schrifttyp: Einzelheiten der Buchstabenformen variierten von Region zu Region und von Jahrhundert zu Jahrhundert. Das Alphabet der Wikingerzeit hatte 16 in fester Ordnung aufgezählte Runen und wurde nach dem phonetischen Wert seiner ersten sechs Schriftzeichen futhark genannt. Selbst damals gab es keine standardisierte Schriftform, sondern zwei Haupt-Varianten: Die Kurzzweig-Runen (,,Stutz-Runen"; auch ,,schwedisch-norwegische Runen", obwohl sie nicht auf diese Länder begrenzt waren) und die Langzweigrunen (manchmal ,,gewöhnliche nordische" oder ,,dänische Runen" genannt). Zusätzlich gab es lokale Varianten, und beide Hauptrunenreihen trennte man nicht streng, sondern vermischte sie miteinander, wie es die skandinavischen Siedler auf der Isle of Man taten.
Ein Blick auf die beiden Hauptrunenreihen der Wikingerzeit verrät, daß sie nicht besonders gut geeignet waren, die Laute des Altnordischen wiederzugeben. Es gab zwar Zeichen für die Vokale i, a, u, aber keines für den häufigen Selbstlaut e, noch - für weite Bereiche der Wikingerzeit - eine eigene o-Rune. Und obwohl Zeichen für die sogenannten stimmlosen Konsonanten k und t vorhanden waren, fehlten sie für ihre stimmhaften Werte g und d. Umgekehrt existierte zwar eine Rune für das stimmhafte b, jedoch nicht für dessen stimmloses Äquivalent p. Das bereitete den Runenmeistern mitunter Schwierigkeiten. In den Inschriften der beiden großen Gedenksteine von Jelling in Ostjütland, mußte z.B. der König genannt werden, der aus späterer Zeit als Gorm bekannt ist. Er konnte nur als kurmR (in Umschrift) geschrieben werden, da es keine Runen für g und o gab. König Harald Blauzahn wurde haraltr geschrieben, weil das d fehlte. Zudem hatten die Runenmeister kuriose Angewohnheiten und ließen n und m vor bestimmten Konsonanten oft aus. So ist das Wort für ,,König", konungr im Altnordischen, auf den beiden Jellingsteinen kunukR geschrieben. Das Wort kumbl, ,,Denkmal", erscheint als kubl. Stellt man noch in Rechnung, daß manche Wörter abgekürzt wurden, daß Worttrennung und Interpunktion nicht einheitlich waren - allerdings gilt das auch für andere Schriften der Epoche -, wird klar, daß die Deutung von Runentexten eine Aufgabe für Fachleute ist und sogar unter ihnen die genaue Lesung einer Buchstabengruppe oder ganzer Wörter strittig bleibt.
Die geographische Verbreitung wikingerzeitlicher Runendenkmäler ist merkwürdig. Sie kommen in unterschiedlicher Dichte in Dänemark, Norwegen und Schweden vor, wobei vor allem für die Zeit nach der Jahrtausendwende ein Schwerpunkt in Schweden festzustellen ist. Sonderbarerweise sind keine wikingerzeitlichen Runeninschriften aus Island bekannt, obwohl die Nordleute in vielen ihrer überseeischen Kolonien Runenritzungen hinterließen, so auf den Orkneys, den Shetlands, den Hebriden und auf demschottischen Festland. In England und Irland sind sie spärlich vertreten, überraschend häufig kommen sie auf der Isle of Man vor, wohingegen es keine in der Normandie gibt. Runeninschriften sind auch von einigen Handelsplätzen an der baltischen Ostseeküste und aus Rußland sowie von fernen Orten wie Byzanz (heute Istanbul) und dem griechischen Piräus bekannt. Weit jenseits des Atlantiks wurden Runeninschriften in den grönländischen Siedlungsgebieten der Wikinger entdeckt. Die angeblich auf dem nordamerikanischen Festland gefundenen Inschriften sind durchweg Fälschungen.
Dieses uneinheitliche Verbreitungsbild der Runendenkmäler könnte seine Ursache in der unterschiedlichen Bevölkerungsdichte haben; wahrscheinlicher aber beruht es auf Unterschieden in der Sozialstruktur, wobei Runen von bestimmten Sozialgruppen oder innerhalb bestimmter rechtlicher oder politischer Systeme verwendet wurden, die in einigen Gebieten stärker vertreten waren.
Die bemerkenswertesten und informativsten Runendenkmäler sind die in Stein gehauenen Inschriften, entweder in freistehende bearbeitete Steine oder in anstehendes Felsgestein, in flache Klippen oder aufrechte Findlinge. Man findet sie häufig in einigen Teilen Schwedens, so in Uppland, Södermanland, Öster- und Västergötland und Småland, einige auch auf Öland und Gotland. Dänemark einschließlich des damals dazugehörigen Schonens, ist besonders reich an Runensteinen; aus Norwegen sind nur wenige bekannt. Solche Steine waren an exponierten Plätzen aufgestellt, wo jedermann sie sehen und lesen konnte: an Straßen, Flußübergängen oder an Versammlungsplätzen der Rechtsgemeinde. Sie können Teile ehrgeiziger Monumente sein, wie bei Glavendrup auf Fünen, wo der Runenstein den Bug einer Schiffssetzung bildete. Manchmal sind sie zu Gruppen geordnet, wie die von Täby in Uppland, welche der örtliche Gutsherr Jarlabanki an beiden Enden eines Dammweges errichtete, um seinen Ruhm und sein Eigentum an ganz Täby zu verewigen und kundzutun, daß er die ,,Brücke" gebaut habe. Daneben kommen auch fein ausgearbeitete Ritzungen auf Felsblöcken vor, wie in Hillersjö in Uppland, wo der Text mit der harschen Aufforderung an Vorübergehende anhebt: ,,Lies das!", um dann eine verwickelte Folge von Erbschaften zu erläutern, bei der eine Frau namens Geirlaug zu dem Besitz gelangte, der einst das Familiengut ihres Schwiegersohnes gewesen war.
Die berühmtesten aller Runensteine sind die von Jelling bei Vejle in Jütland, die Teil eines Denkmalkomplexes sind. Der ältere, kleine und weniger auffallende Runenstein erwähnt eine Königin: ,,König Gorm schuf dieses Denkmal zur Erinnerung an seine Frau Thyra, die Zierde Dänemarks". Der zweite Stein, den sein Sohn, König Harald Blauzahn, errichtete und der zu Recht als der großartigste Runenstein angesehen wird, weist dekorative Steinmetzarbeiten und eine ruhmredige Inschrift auf: ,,Harald, der ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen zu Christen machte". Das war aber keine leere Prahlerei Haralds, auch andere Schriftquellen bestätigen, daß er Dänemark und Teile Norwegens wenigstens zeitweise beherrschte und daß in seiner Regierungszeit während der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts die Dänen offiziell zum Christentum bekehrt und viele Kirchen errichtet wurden. Diese Verherrlichung persönlicher Taten und Eigenschaften ist auch auf etwas niedrigerer Ebene ein Charakteristikum vieler skandinavischer Runensteine.
Oft erinnern sie an einen Toten, verfolgen gleichzeitig aber auch einen öffentlichen Zweck. Zusätzlich können sie als eine Art von Todesanzeigen angesehen werden, besonders bei einflußreichen und begüterten Personen, für die vielleicht Fragen von Erbschaft, Nachfolge und eventueller Schuld geklärt werden mußten. Besonders wichtig war es, einen Tod fern der Heimat mitzuteilen - daher die vielen Runeninschriften, die von Auslandsreisen und Kämpfen in fernen Ländern berichten. In erster Linie waren die Erben betroffen, weshalb die Namen der Runensteinerrichter, oft Verwandte verschiedenen Grades, an vorderster Stelle stehen. Die hervorragenden Eigenschaften des Toten sollten herausgestellt werden; deshalb die Betonung, die viele Runensteine auf seine Unternehmungen und Taten legen.
Die Runeninschriften zeigen Aspekte der Wikingerzeit, die von anderen Quellen nur unzureichend erhellt werden: Sie geben Einblick in die Sozialstruktur und bestätigen weitreichende Unternehmungen. Daneben werden in den Inschriften Wertvorstellungen vermittelt, nach denen die Menschen lebten. Als ein Skandinavier auf der kleinen Insel Berezan an der Dnjeprmündung in Südrußland seinen Kameraden begrub, setzte er eine Inschrift für seinen Handelspartner (félagi = jemand der Geld in ein Unternehmen einlegt). Er gedachte damit nicht nur dieses Mannes, sondern erklärte seinerseits, daß er die Verfügungsgewalt über das Gemeinschaftsunternehmen übernommen hatte und der Familie des Partners für dessen Anteil am Gewinn verantwortlich war. Als gegen Ende des 10. Jahrhunderts König Svens Armee die befestigte Stadt Haithabu in Schleswig belagerte, wurde einer der Angreifer namens Skardi getötet. Er war ein hemthægi (= jemand, der ein Heim von ihm erhielt), also wahrscheinlich ein Mitglied des königlichen Haushalts. Sven errichtete einen Gedenkstein und feierte diesen Mann, ,,der nach Westen gefahren war und nun bei Haithabu seinen Tod fand". Damit erklärte er seine Verantwortlichkeit für jemanden, der in seinen Diensten gefallen war.
Bekannt ist, daß die Dänen unter ihren Königen Sven und Knut im späten 10. und frühen 11. Jahrhundert England verwüsteten, aber auch hier fungieren die Runensteine als Korrektiv für andere Quellen und enthüllen, daß Knuts Armeen nicht ausschließlich aus Dänen bestanden. Bei Väsby im schwedischen Uppland wurde ein Stein von einem Ali zu seinem eigenen Ruhm errichtet: ,,Er erhob Knuts Tribut in England". Von Galteland im südnorwegischen Austagder stammt ein heute nur noch in Bruchstücken erhaltener Stein, den Arnstein für seinen Sohn Bior errichtete: ,,Er fand den Tod in der Armee, als Knut England angriff".
In den Runeninschriften wird auch die expansive Dynamik der wikingerzeitlichen Skandinavier deutlich, die sich Tausende von Kilometern entfernten und doch heimatliche Verbindungen wahrten, wie die Inschriften zeigen. Eine aus Ed in Uppland erinnert an Ragnvald, der Anführer einer Mannschaft in Griechenland war", wahrscheinlich ein Hauptmann in der Warägergarde des byzantinischen Kaisers; eine aus dem uppländischen Sjusta an Spjalbudi der ,,in der Olafskirche zu Holmgard [Nowgorod] den Tod fand", was wohl auf eine skandinavische Kolonie mit eigener Kirche, der des heiligen Olafs, in der russischen Stadt deutet; eine aus Mervalla/Södermanland an Sven: ,,Er segelte oft nach Semgallen [= Teil Lettlands] mit wertvollem Schiff um Domesnäs [in Kurland] herum"; eine aus Grinda in Södermanland an Gudver, der ,,westwärts in England war, seinen Anteil am Danegeld erhielt und mannhaft Städte im Sachsenland angriff". Wir erfahren auch etwas darüber, was die Wikinger mit den Gewinnen aus ihren Expeditionen anfingen. Bei Veda in Uppland gibt es einen Stein für Arnmund, der ,,dieses Gut kaufte, und er machte sein Geld ostwärts in Rußland". Bei Ulunda in Uppland wird ein Mann wegen des Reichtums, den er in die Familie einbrachte, in einem alliterierenden Vers gefeiert: ,,Er fuhr beherzt, erwarb Habe / auswärts in Griechenland seinem Erben". Aber nicht alle Abenteuer endeten erfolgreich. Aus verschiedenen Landschaften Schwedens, vornehmlich dem Mälarseegebiet, schlossen sich viele einflußreiche Männer, Schiffseigner und Mannschaftsführer, um 1040/50 zu einer Fahrt in den Osten zusammen. Ihr Anführer war Ingvar, später in den isländischen Sagas als ,,der Weitgereiste" tituliert. Die Expedition stand unter einem unglücklichen Stern und viele Teilnehmer kehrten nicht in die Heimat zurück. Gedenksteine berichten zum Beispiel von Gunnleif, der ,,im Osten mit Ingvar starb"; von Banki, der ,,ein ganzes Schiff besaß und es nach Osten im Heer Ingvars steuerte von Skardi, der ,,von hier aus nach Osten fuhr mit Ingvar und in Serkland liegt" (wahrscheinlich das arabische Kalifat im Irak-Iran).
Nicht alle Wikinger waren edel, es gab auch Schurken unter ihnen: Bei Söderby in Uppland steht ein Stein in Erinnerung an Helgi: ,,Und Sassur erschlug ihn und verübte eine Neidingstat, brachte seinen Geschäftspartner heimtükkisch um". Bei Braddan auf der Isle of Man steht ein Kreuz, auf dem der Name des Mannes, an den erinnert wird, verloren ging, doch der des Übeltäters blieb erhalten: ,,Und Hrosketil brach das Vertrauen des Mannes, mit dem er durch Eide verbunden war".
Dies ist nur eine kleine Auswahl der Textinhalte wikingerzeitlicher Runensteine. Sie informieren auch über Haus und Hof, Gastlichkeit, Wegebau, Instandsetzung von Herbergen, und sie erwähnen sogar Rechte und Tätigkeiten der Frauen. Der aufwendigste norwegische Runenstein stammt aus Dynna in Oppland. Eine Mutter errichtete ihn für ihre Tochter Astrid: ,,Und sie war das geschickteste Mädchen in Hadeland".
Wieviele Menschen diese Runeninschriften lesen konnten, ist unbekannt, aber vermutlich eine ganze Anzahl, sonst hätte es keinen Sinn gehabt, sie aufzuschreiben. Wir wissen weder, wie das Lesen gelehrt wurde, noch wie die Runenmeister ihre Fertigkeit gewannen. Sicherlich konnten auch einige Laien Runen ritzen, denn wir finden sie mehr oder weniger beiläufig auf allen möglichen Gegenständen: Von einem unbekannten Ort Norwegens kommt ein Reliquiar keltischer Arbeit, offensichtlich in der Wikingerzeit als Beute nach Skandinavien verschleppt. In die Unterseite ist ein Eigentumsvermerk eingeritzt: ,,Rannvaik gehört dieses Kästchen". Eine ganze Reihe derartiger Gelegenheitsinschriften sind fehlerhaft geschrieben oder kaum zu deuten, was auf eine sehr begrenzte Schriftlichkeit hinweist. Wahrscheinlich ist das reiche runische Material der Wikingerzeit nur für eine bestimmte gesellschaftliche und gebildete Schicht repräsentativ, wobei die Aussagen der Inschriften nicht verallgemeinert werden dürfen.
Die Runen blieben über das Mittelalter hinaus gebräuchlich. Sie traten zusammen mit Inschriften in lateinischen Lettern auf christlichen Gedenksteinen auf und dienten in den großen Städten des mittelalterlichen Skandinaviens als Verkehrsschrift für Händleretiketten, persönliche Briefe und gelegentliche Graffiti.
 


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