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Thorshämmer, Kreuze und andere Amulettanhänger

Ein Text von Anne-Sofie Gräslund

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben Menschen Amulette als Glücksbringer getragen - so auch die Bewohner des wikinger-zeitlichen Nordens.
Amulettcharakter besitzt sicher der Anhänger in Form eines Hammers. Daß er Symbol für den Gott Thor war, findet in der Eddadichtung und in zeitgenössischem ikonographischem Material seine Stütze. Kleine Thorshämmer aus Eisen, auf eiserne Halsreifen aufgezogen, findet man in (nahezu ausschließlich Brand-) Gräbern des 9. und 10. Jahrhunderts, hauptsächlich im östlichen Mälarsee-Gebiet. Auch auf Åland und in Rußland kommen sie vor; gut 50 silberne Thorshämmer kennt man aus Schatz-, seltener auch aus Grab- oder Siedlungsfunden. Diese besitzen eine größere Verbeitung, konzentrieren sich auf Süd- und Mittelskandinavien, finden sich aber auch im Trøndelag und auf Island. Sie können in das 10. und den Beginn des 11. Jahrhunderts, in Gotland sogar bis an das Ende des 11.Jahrhunderts datiert werden. Wenige Funde stammen auch aus Polen und England, von denen einige aus Silber oder Bernstein bestehen.
Die Hammeranhänger aus Edelmetall sind gewöhnlich gegossen, können aber auch aus Silberblech geschnitten oder aus einem gehämmerten Silberstück oder aus aufeinandergelöteten Silberpreßblechen geformt worden sein. Alle unterscheiden sich voneinander, es lassen sich aber einige Haupttypen erkennen, wie Stücke ohne Verzierung, solche mit Punzdekor und solche mit Filigranverzierung. Auch Form und Größe variieren. Der Hammerkopf kann bootsförmig oder rechteckig sein oder einen Mittelzipfel besitzen. Manche sind klein und zierlich, andere massiver. Der Schaft ist gleich breit oder verjüngt sich häufiger zum Hammer hin. Die eingepunzte Verzierung kann ein-oder zweiseitig entlang der Seiten, seltener auch auf der ganzen Oberfläche angebracht sein. Mitunter bildet sie ein Kreuz. Bei den filigranverzierten Stücken stellt der obere Schaftteil und die Öse einen Raubvogelkopf dar, der Rest ist mit Spiralen und Kreisen verziert.
Ob die Thorshämmer auch im religiösen Ritus eine Rolle spielten, ist ungewiß, doch deutet ihre häufige Deponierung beim Leichenbrand zuoberst in der Urne auf eine bestimmte Rolle bei der Bestattungszeremonie. Ähnliches gilt für die Axtanhänger aus Bemstein in gotländischen Gräbern, die, wie mikroskopische Untersuchungen zeigen, nie benutzt und wohl nur für die Grablegung hergestellt wurden. Auch die auf Åland und in Rußland häufigen Tontatzen sowie die durchbohrten Tierzähne könnten eine magische Bedeutung im Rahmen religiöser Handlungen besessen haben.
Von den übrigen heidnischen Anhängern dürften diejenigen in Form eines Feuerstahls als Symbol für das lebensspendende, reinigende Feuer gedeutet werden, die schildförmigen mit Wirbelmotiven als Sonnensymbole - beide in Zusammenhang mit Fruchtbarkeitskulten. Das gleiche gilt auch für Anhänger in Form von Miniaturgeräten, etwa von Sicheln.
Stabförmige Anhänger sind als seidr- (Zauber-) Stäbe gedeutet worden, dem Würdezeichen Odins. Sogar die stuhlförmigen Anhänger können vermutlich mit den Asengöttern in Verbindung gebracht werden: Der Stuhl sollte den Gott auf seinem Thron symbolisieren und könnte sowohl für 0din als auch für Thor stehen. Ringe stellten vielleicht Würdezeichen dar, und Frauenfiguren, mitunter auch mit Trinkhorn, werden als Walküren gedeutet, die -wie auf den gotländischen Bildsteinen zu sehen ist - die Krieger in Walhall willkommen heißen.
Durch ihre Reisen waren viele Nordleute schon vor der Wikingerzeit mit dem Christentum in Berührung gekommen. Die schrittweise Etablierung der neuen Religion in Skandinavien spiegelt sich unter anderem in den Kreuzanhängern aus Schatz- und Grabfunden oder Siedlungsfunden wieder. Daneben fanden sich auch andere christliche Amulette wie Reliquiaranhänger und -kapseln oder Orantenpendilien. Grabfunde mit Pektoralkreuzen kommen vor allem in Schweden und Finnland vor, aber in ganz Skandinavien sind sie aus Schatzfunden bekannt. Besonders in Dänemark gibt es eine klare Trennung zwischen den Schatzfunden mit Thorshämmern und denen mit Kreuzen. Erstere gehören dem 10. Jahrhundert an, letztere der Zeit nach der Jahrtausendwende.
Unter den Pektoralkreuzen gibt es gegossene oder aus Blech geschnittene Exemplare mit Punzdekor, Fillgranverzierung, Palmetten, drei Rundem an den Enden sowie Kruzifixe und Reliquienkreuze.
In Birka sind Kreuzanhänger mit Punzdekor aus einer wohl heimischen Produktion in einigen Frauengräbern des 10. Jahrhunderts nachgewiesen. Solche Stücke stammen auch aus dänischen und norwegischen Schatzfunden sowie aus gotländischen Frauengräbern und, als Ausnahme in Schweden, auch aus einem gotländischen Männergrab. In Finnland kommen dagegen Kreuzanhänger in Männergräbern des 11. Jahrhunderts häufiger vor, in Karelien sogar bis in das 13. Jahrhundert. Da Männer in der Regel keinen Halsschmuck trugen, belegen diese Funde den großen Symbolwert des Kreuzes. Wahrscheinlich haben diese Männer das Christentum im Ausland kennengelernt. Auch die technisch schlichte Ausführung der Kreuze zeigt, daß ihr symbolischer Wert größer war als ihr dekorativer.
Palmettenkreuze finden sich in Schatzfunden des 11. Jahrhunderts, aber auch in karelischen Gräbern des 13.Jahrhunderts. Der Typ ist vermutlich wegen der eindeutigen Prägung im Ringerike-Stil als nordisches Produkt zu sehen. Kreuze mit Rundem an den Enden sind vom 11. bis 14. Jahrhundert im Ostseeraum konzentriert und dürften aus Nowgorod oder dem östlichen Ostseebereich stammen.
Das älteste nordische Kruzifix ist eine Filigranarbeit aus einem Grab des 10. Jahrhunderts von Birka. Im 11. Jahrhundert waren verschiedene Typen verbreitet. Doppelseitige Kruzifixe kennt man aus finnischen Gräbern und schwedischen, dänischen sowie norwegischen Schatzfunden; ähnliche Formen gab es auch in Rußland und dem Baltikum. Dabei wird Christus ans Kreuz gebunden anstatt genagelt dargestellt. Bei vielen deuten stilistische Elemente wie Flechtband- und Spiralmuster auf eine skandinavische Fertigung. Daneben gab es aber auch importierte Anhänger, etwa das Halikko-Kreuz, das wohl in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts im Rheinland hergestellt worden sein dürfte.
Kreuzförmige Reliquiare, sog. Enkolpien, sind eine byzantinische Form. Neben Importen wie dem Dagmarkreuz und dem Gundslevmagle-Enkolpion gibt es auch unzweifelhaft skandinavische Enkolpien. Sie stellen wie das Stück von Gamla (Alt) Uppsala teils Nachbildungen östlicher Vorbilder dar, teils sind sie selbständige nordische Schöpfungen, wie das Exemplar von Gåtebo. Der Künstler hat hier auf elegante Weise die östliche Vorlage durch Urnesstil-Flechtband dem nordischen Geschmack angepaßt.
 


Thors Hammer
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