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Allgemeine Informationen zu den Wikingern
Im Zeitraum von 800 bis 1050 n.Chr. hielten die nordischen Völker
ihren dramatischen Einzug in die europäische Arena. Sie stürmten
vorwärts, die festgefügten Gemeinschaften terrorisierend, die
zwar an Krieg gewöhnt waren, nicht aber an die Überraschungstaktik
der Wikinger. Der Kontakt zwischen Skandinavien und dem übrigen Europa
war jedoch nichts Neues. Archäologische Funde zeigen, daß Handel
und kultureller Einfluß mehrere Jahrtausende zurückverfolgt
werden können. Trotzdem war das nordische Gebiet ein abseits gelegener
Winkel mit geringem politischen und wirtschaftlichen Wert für das
übrige Europa.
Ein Text von Prof. Dr. phil. Arne Emil Christensen Das Bild änderte
sich kurz vor 800. Im Jahre 793 wurde das Kloster Lindisfarne an der Ostküste
Englands von fremden Seefahrern geplündert, und gleichzeitig finden
wir die ersten Aufzeichnungen über Überfälle andernorts
in Europa. Chroniken und Berichte über die nächsten 200 Jahre
strotzen von Schreckenstaten der Wikinger. Kleinere und größere
Gruppen von Schiffen griffen sämtliche Küsten Europas an. Die
Wikinger segelten die Flüsse Frankreichs und Spaniens hinauf, eroberten
den größten Teil Irlands und weite Gebiete von England und besetzten
Gebiete entlang den Flüssen in Rußland und an der Ostseeküste.
Es wird von Beutezügen im Mittelmeerraum berichtet, die weit nach
Osten bis zum Kaspischen Meer vordrangen. Von Kiew kommende Nordleute waren
sogar so tollkühn, einen Angriff auf Konstantinopel, die Hauptstadt
des Oströmischen Reiches, zu versuchen.
Mit der Zeit wurden die reinen Beutezüge durch Kolonisation ersetzt.
Ortsnamen erzählen von einer großen Wikingerbevölkerung
in Nordengland, mit York als Zentrum. Ein großes Gebiet weiter südlich
in England bekam den Namen Danelaw. In Frankreich erhielt ein Wikingerhäuptling
vom französischen König die Normandie als Lehen, um andere Wikinger
fernzuhalten. Die Inseln nördlich von Schottland bekamen eine gemischte
keltisch-altnordische Bevölkerung, und auf Island und Grönland
entstanden blühende Gemeinschaften.
Der letzte Vorstoß nach Westen war der mißlungene Versuch,
in Nordamerika Siedlungen zu gründen. Um das Jahr 1000 entdeckten
Leute aus Island oder Grönland Land weiter westlich, und die Sagas
erzählen von mehreren Fahrten, wo Menschen versuchten, in dem neuen
Land Wurzeln zu schlagen. Die Kolonisatoren gerieten in Konflikt mit entweder
Indianern oder Eskimos und gaben auf.
Versuche, die Länder zu lokalisieren, in denen sich Nordleute
niederließen, führen je nachdem, wie die Isländischen
Sagas ausgelegt wurden von Labrador bis Manhattan. In den 1960er
Jahren fanden Anne-Stine und Helge Ingstad Siedlungsreste an der Nordküste
Neufundlands. Die Ausgrabungen zeigten, daß es sich um Überreste
von Häusern desselben Typs handelte wie die auf Island und Grönland.
Es wurden auch altnordische Gegenstände gefunden, die man um das Jahr
1000 datiert hat. Ob dies die Spuren nach den Fahrten sind, von denen die
Sagas berichten, oder von anderen Fahrten, über die es keine schriftlichen
Quellen gibt, läßt sich unmöglich mit Sicherheit sagen.
Die Funde sind auf jeden Fall der sichere Beweis dafür, daß
nordische Seefahrer wie in den Sagas nachzulesen um das Jahr
1000 wirklich zum nordamerikanischen Kontinent gesegelt waren.
Überbevölkerung und Ressourcenknappheit
Welche Ursachen hatte die gewaltige Expansion im Laufe von nur wenigen
Generationen? Stabile Staatsgründungen wie das Fränkische Reich
und die angelsächsischen Königtümer in England hatten den
Angreifern offensichtlich wenig entgegenzusetzen. Das Bild, das uns die
schriftlichen Quellen vermitteln, ist vermutlich davon gefärbt; die
Wikinger werden als schreckliche Räuber und Banditen dargestellt.
Sicherlich waren sie das, aber sie müssen außerdem noch andere
Eigenschaften gehabt haben. Einige ihrer Führer müssen höchst
fähige Organisatoren gewesen sein. Zwar konnte mit Hilfe einer wirkungsvollen
militärischen Taktik ein Krieg gewonnen werden; außerdem aber
gründeten die Wikinger in eroberten Gebieten Königtümer.
Einige wie zum Beispiel in Dublin und York überlebten die Wikingerzeit
nicht; Island aber ist noch immer eine blühende Nation. Das Wikingerkönigtum
in Kiew wurde zur Basis des Russischen Reiches, und die Spuren des hervorragenden
Organisationstalents der Wikingerhäuptlinge sind noch heute deutlich
sichtbar auf der Isle of Man und in der Normandie. In Dänemark hat
man vom Ende der Wikingerzeit die Überreste von Verteidigungsanlagen
gefunden, die als Sammelplatz für große Armeen dienten. Die
Burgen sind kreisrund und in Quadranten aufgeteilt, mit quadratischen Gebäuden
in jedem der vier Abschnitte. Die Burgen sind mit einer Präzision
angelegt, die den ausgeprägten Sinn der Führer für Systematik
und Ordnung bezeugt. Am Hof des dänischen Königs muß es
gründliche Kenntnisse über Landvermessung und Geometrie gegeben
haben.
Außer den westeuropäischen Schilderungen haben wir schriftliche
Quellen von anderen Zeitgenossen der Wikinger von reisenden Arabern
und aus Byzanz. Kurzgefaßte Inschriften sind uns in der Heimat der
Wikinger ebenfalls hinterlassen worden in Holz und Stein geritzte
Runen. Die Geschichten der Sagas aus dem 12. und 13. Jahrhundert haben
uns ebenfalls viel über die Wikingerzeit zu erzählen, obwohl
sie viele Generationen nach der Zeit geschrieben wurden, die sie schildern.
Die Wikinger kamen aus dem Gebiet, das heute Dänemark, Schweden
und Norwegen ist. Es war eine sich selbst versorgende bäuerliche Gesellschaft,
wo Ackerbau und Viehzucht durch Jagd, Fischfang, Eisengewinnung und den
Abbau von besonderen Gesteinsarten zur Herstellung von Wetzsteinen und
Kochgerät ergänzt wurden. Obwohl es den Bauern gelang, das meiste
selbst herzustellen, wurden gewisse Produkte gehandelt zum Beispiel
das für Mensch und Tier wichtige Salz. Das Salz ist eine Alltagsware,
die wahrscheinlich nicht über weitere Strecken als notwendig herangeschafft
wurde, während Luxusartikel aus dem südlicheren Europa importiert
wurden. Eisen, Wetzsteine und Kochgerät aus Speckstein waren Exportartikel
und wesentliche Ursache für das Aufblühen des Handels in der
Wikingerzeit. Selbst in der Periode, als Wikingerüberfälle an
der Tagesordnung waren, wurde zwischen Westeuropa und dem Heimatland der
Wikinger Handel getrieben. Einen der wenigen Berichte, die wir über
die Verhältnisse in Norwegen in der Wikingerzeit haben, verdanken
wir dem nordnorwegischen Häuptling Ottar. Er besuchte König Alfred
von Wessex als friedlicher Kaufmann, während Alfred gleichzeitig mit
anderen Wikingerhäuptlingen regelrecht Krieg führte.
Eine Theorie schlägt als Ursachen für die Expansion in der
Wikingerzeit Überbevölkerung und Ressourcenknappheit im Heimatland
vor. Das archäologische Material bezeugt, daß parallel zur Expansion
ins Ausland in dünn besiedelten Waldgebieten neue Höfe entstanden.
Somit ist Überbevölkerung sicherlich ein mitwirkender Faktor.
Eisengewinnung ist möglicherweise ein weiterer. Genügend Eisen,
um für alle, die sich auf Kriegszug begaben, Waffen schmieden zu können,
war für die Wikinger gleichbedeutend mit taktischer Überlegenheit.
Städte und Staatsgründungen
Im Verlauf der Wikingerzeit veränderte sich die Gesellschaft.
Führende Häuptlingsfamilien vermehrten ihren Landbesitz und ihre
Macht und schufen damit die Voraussetzung für die Gründung von
Staaten. Die ersten Städte entstehen, und von Staraja Ladoga und Kiew
in Rußland bis York und Dublin auf den britischen Inseln können
wir uns eine Vorstellung vom Alltagsleben der Stadbewohner machen. Marktplätze
und Städte beruhten auf Handel und Handwerk, und obwohl die Stadt-Wikinger
vermutlich Vieh besaßen und Landwirtschaft und Fischerei betrieben,
um ihren eigenen häuslichen Bedarf zu decken, waren die Städte
sicherlich auf Versorgung aus den umliegenden Regionen angewiesen. In Südnorwegen
liegt der Marktplatz in Kaupang bei Larvik. Er wird in Ottars Bericht an
König Alfred erwähnt. Kaupang war und blieb Marktplatz, während
Birka am Mälarsee in Schweden und Hedeby an der deutsch-dänischen
Grenze durchaus als Städte bezeichnet werden können. Diese beiden
wurden gegen Ende der Wikingerzeit von den Einwohnern verlassen, während
Ribe in Südjütland wie natürlich York und Dublin
noch heute blüht. In diesen Städten finden wir gut regulierte
Gebiete mit deutlich festgelegten Grundstücksgrenzen, Straßen
und die Stadt umgebenden Befestigungen. Es ist offenkundig, daß einige
Städte geplant waren. Viele wurden wohl auf Geheiß des Königs
angelegt, wo er selbst oder die Männer seines Vertrauens über
Stadtplanung und Grundstücksverteilung bestimmten. Wir können
sehen, daß der Müllentsorgung nicht die gleiche Aufmerksamkeit
gewidmet wurde wie der Städteplanung. Wir finden dicke Schichten Abfall.
Damals müssen Dreck und Gestank höchst unangenehm gewesen sein;
heute finden wir Spuren des Alltagslebens von Handwerksabfällen
bis hin zu Läusen und Flöhen. So können wir uns ein Bild
davon machen, wie die Menschen damals gelebt haben. Wir finden Dinge, die
von weither gekommen sein müssen wie etwa arabische Silbermünzen
und Reste von Seidenstoffen aus Byzanz neben den Erzeugnissen einheimischer
Schmiede, Schuhmacher und Kammacher.
Eine gewalttätige Gesellschaft
Ein Hinweis auf die Gewalttätigkeit der Gesellschaft ist die Tatsache,
daß fast alle Männergräber Waffen enthalten. Ein gut ausgerüsteter
Krieger mußte ein Schwert haben, einen Holzschild mit einem Eisenbuckel
in der Mitte zum Schutz der Hand, Speer, Axt und einen Bogen mit bis zu
24 Pfeilen. Helm und Brünne, mit denen Wikinger auf modernen Bildern
häufig dargestellt werden, gibt es nur äußerst selten unter
den archäologischen Funden. Helme mit Hörnern, die auf den Bildern
so oft zur "Ausrüstung eines Wikingers" gehören, sind unter den
echten Gegenständen aus der Wikingerzeit noch nie vorgekommen.
Selbst mit Waffen reichlich ausgestattete Gräber gewähren
uns einen Einblick in friedlichere Tätigkeiten: Sichel, Sense und
Hacke liegen Seite an Seite mit den Waffen; der Schmied hat seinen Hammer
sowie Amboß, Zange und Feile bei sich. Dem Küstenbauern, der
häufig in seinem Boot beigesetzt wurde, hat man sein Fischfanggerät
mitgegeben. In den Frauengräbern finden wir persönlichen Schmuck,
Küchengerät und Werkzeug zur Herstellung von Textilien. Auch
Frauen wurden häufig in einem Schiff bestattet. Gegenstände aus
Holz, Textil und Leder sind nur selten erhalten geblieben, so daß
unsere Kenntnisse große Lücken aufweisen. In einigen wenigen
Gräbern hat das Erdreich mehr bewahrt als sonst üblich. Entlang
dem Oslofjord liegt direkt unter der Grasnarbe Tonerde, die so dicht ist,
daß weder Luft noch Wasser durchdringen können. Einige Gräber
sind nach tausend Jahren noch gut erhalten, und hier finden wir die ganze
Palette von Gegenständen, die dem Verstorbenen einst mitgegeben wurden.
Die Schätze der enormen Wikingerschiffgräber von Oseberg, Tune
und Gokstad ausgestellt im Wikingerschiff-Museum auf Bygdøy
in Oslo sind ein Paradebeispiel dafür, was unter günstigen
Umständen an Material für die Nachzeit erhalten bleiben kann.
Wir wissen nicht, wer die Toten sind, aber der Pracht nach zu urteilen
müssen sie Standespersonen gewesen sein. Vielleicht waren sie sogar
Mitglieder der königlichen Familie, unter der Norwegen später
eine geeinte Nation wurde.
Die Gräber von Oseberg, Gokstad und Tune hat man kürzlich
anhand einer Analyse der Jahresringe im Eichenholz datieren können.
Das Osebergschiff wurde um etwa 815-820 n.Chr. gebaut, und die Beisetzung
kann aufs Jahr genau datiert werden, nämlich 834. Die Schiffe von
Gokstad und Tune wurden in den 890er Jahren gebaut und unmittelbar nach
900 in die Erde versenkt. In diesen drei Gräbern dienten große
Schiffe als Grabraum. Vom Tuneschiff ist nur der Boden erhalten, und Plünderer
haben fast alle Ausstattung geraubt. An dem, was übrig ist, können
wir dennoch erkennen, daß das Schiff ursprünglich von der gleichen
guten Qualität war wie die beiden anderen. Das Tuneschiff ist etwa
20 m lang gewesen; das Osebergschiff ist ungefähr 22 m lang und das
Gokstadschiff etwa 24 m.
Zur Beisetzung wurde das Schiff an Land gezogen und in eine in die
Erde gegrabene Grube hinuntergelassen. Hinter den Mast wurde eine Grabkammer
gebaut, und hier wurde der Tote in seinen besten Kleidern in ein Bett gelegt.
Reichliche Vorräte wurden an Bord gebracht, Pferde und Hunde wurden
geopfert, und dann wurde ein großer Grabhügel über dem
Schiff aufgetürmt. Ein Araber traf Ende des 9. Jahrhunderts auf einer
Reise nach Rußland zufällig eine Gruppe von Wikingern, die im
Begriff waren, in der erwähnten Weise einen Häuptling zu bestatten.
Ibn Fadlan schrieb nieder, was er sah, und diese Aufzeichnungen sind erhalten
geblieben. Das Schiff des toten Häuptlings wurde an Land gezogen,
und zahlreiche Kostbarkeiten wurden an Bord gebracht. Nachdem man dem Toten
seine besten Kleider angelegt hatte, wurde er an Bord in ein Bett gelegt.
Eine Sklavin, die sich entschieden hatte, ihm in den Tod zu folgen, wurde
zusammen mit Pferd und Jagdhund geopfert. Das Schiff samt Inhalt
wurde verbrannt, und über den Überresten wurde ein großer
Grabhügel errichtet. Funde von verbrannten Schiffsgräbern haben
wir in den norwegischen Ländern sowie in westeuropäischen Wikingergegenden;
die großen Gräber im Gebiet des Oslofjords wurden nicht in Brand
gesteckt. Im Gokstadschiff wurde ein Mann gefunden, und höchstwahrscheinlich
hat es auch im Tuneschiff ein Männergrab gegeben, während im
Osebergschiff zwei Frauen bestattet waren. Die Skelette lassen darauf schließen,
daß die eine Frau zwischen 50 und 60 Jahre alt war und die andere
zwischen 20 und 30 Jahre. Wir werden nie wissen, welche von ihnen die Hauptperson
und welche die Begleiterin war.
Sowohl das Oseberg- als auch das Gokstadgrab haben Besuch von Grabschändern
gehabt; Schmuck und Luxuswaffen, die es ursprünglich in diesen Gräbern
gegeben haben muß, sind verschwunden. Gegenstände aus Holz,
Leder und Textil, an denen die Grabschänder nicht interessiert waren,
sind demgegenüber bis in unsere Tage erhalten. An anderen Orten haben
wir Überreste von ähnlichen Schiffsgräbern, und es scheint
Brauch gewesen zu sein, geopferte Hunde und Pferde mitzugeben sowie feine
Waffen, ein gut Teil Schiffsausrüstung wie etwa Ruder und Landungsplanken,
außerdem Schöpfkellen und Kochtöpfe für die Schiffsbesatzung,
Landzelte und häufig importierte schöne Bronzegefäße,
die ursprünglich sicher Essen und Trinken für den Toten enthalten
haben.
Im Oseberggrab gab es keine Spuren von Waffen, was verständlich
ist, da es sich um ein Frauengrab handelt. Alle übrige Ausstattung
war jedoch vorhanden. Außerdem wurden der toten Hauptperson Gegenstände
mitgegeben, die ihre Würde als Verwalterin und Hausfrau auf einem
großen Hof symbolisieren. Es ist anzunehmen, daß die Frauen
die Verantwortung für den landwirtschaftlichen Betrieb hatten, während
die Männer auf Wikingerzug waren. Die Hausfrau auf Oseberg war sicher
wie viele andere ihrer Mitschwestern eine sehr bestimmte und höchst
geachtete Dame, ob sie nun gemeinsam mit anderen Frauen am Spinnrad oder
Webstuhl saß oder die Aufsicht über die Landarbeit oder die
Herstellung von Milch, Käse und Butter hatte. Außer dem Schiff
wurden ihr ein Wagen und drei Schlitten mitgegeben. Ob sie ihre Reise ins
Totenreich zu Land oder zu Wasser antrat Hauptsache war, daß
es standesgemäß geschah. Genug Pferde waren geopfert worden,
um sowohl vor die Schlitten als auch den Wagen gespannt zu werden.
Ein Zelt und Kochutensilien, Werkzeuge zur Herstellung von Textilien,
Truhen und Schreine, Tröge, Milcheimer und Kellen, Tranchiermesser
und Bratpfanne, Spaten und Hacken, Sättel, Hundeketten und vieles
andere wurde in dem Grab gefunden. Proviant auf der Reise ins Totenreich
waren zwei geschlachtete Ochsen; ein Roggenbrotteig war in einem großen
Backtrog angesetzt, und in einem schön verzierten Eimer lagen Wildäpfel
für den Nachtisch.
Viele Holzgegenstände sind mit reichen Schnitzereien verziert.
Der Hof scheint viele Künstler beschäftigt zu haben. Sogar einfache
Gebrauchsgegenstände wie etwa die Deichseln der Schlitten sind mit
schönen Schnitzereien übersät. Die wesentlichsten Kenntnisse
über die Kunst der Wikingerzeit vermitteln uns außer dem Osebergfund
Schmuckstücke kleineren Formats aus Metall. Die Motivwahl ist die
gleiche wie die für Holzschnitzereien. Die Künstler interessierten
sich hauptsächlich für Tierfiguren. Es handelt sich um Fabeltiere,
die sich winden und sich zu einem dichten, wirren Muster verflechten. Die
Technik ist hochentwickelt; das heißt, die Holzschneider der Oseberg-Königin
haben Holzschneideeisen und Schnitzmesser genauso sicher geschwungen wie
ihr Schwert.
Auch dem Mann im Gokstadschiff hat ein begabter Holzschnitzer zur Verfügung
gestanden, obgleich dieser Fund nicht so reich an geschnitzten Gegenständen
ist wie der Osebergfund. Das Osebergschiff hat einen niedrigen Freibord
und ist nicht so seetüchtig wie die Schiffe Gokstad und Tune. Nordseereisen
werden ihm wohl trotzdem gelungen sein, und es mag ein typisches Schiff
für die Wikingerangriffe um 800 n. Chr. gewesen sein. Eine Kopie des
Osebergschiffes stellt unter Beweis, daß es zwar schnell segeln konnte,
daß es aber nur schwer zu beherrschen war. Sowohl Oseberg- als auch
Gokstad- und Tuneschiff waren höchstwahrscheinlich private Reiseschiffe
von Standespersonen und eigentlich keine Langschiffe zur Beförderung
von Kriegern. Das Gokstadschiff war sehr seetüchtig und besser als
das Osebergschiff. Das haben Kopien bewiesen, die über den Atlantik
gesegelt sind. Dank der Form seines Rumpfes ist das Schiff sowohl unter
Segeln als auch mit 32 Männern an den Rudern ein schnelles Schiff
gewesen. Selbst bei vollzähliger Mannschaft ragt das Schiff nur etwa
einen Meter tief ins Wasser. Somit eignete es sich gut für rasche
Angriffe auf fremde Küsten. Möglicherweise haben die Erfahrungen,
die die Wikinger im frühen 9. Jahrhundert auf ihren zahlreichen Seereisen
gesammelt hatten, eine rapide Weiterentwicklung des Schiffskörpers
bewirkt. Wenn das stimmt, könnte der Unterschied zwischen dem Osebergschiff
und dem Gokstadschiff das Ergebnis der Erfahrungen aus drei Generationen
Nordsee-Schiffahrt und stundenlanger Diskussionen zwischen Schiffbauern
sein, die Verbesserungen anstrebten.
Das Christentum übernimmt
Um das Jahr 1000 ebben die Wikingerzüge ab. Die Wikinger waren
Christen geworden, und der Religionswechsel hatte sicherlich eine dämpfende
Wirkung auf ihren Drang zu plündern. Dänemark, Schweden und Norwegen
waren selbständige Monarchien geworden. Das Dasein war selbst in christlichen
Königreichen nicht immer von Frieden geprägt; ob Krieg geführt
werden sollte oder nicht, hing von den wechselnden Bündnissen der
Könige ab. So konnte ein Land zwar einen Krieg beginnen; die Zeit
der privaten Kämpfe und auch die der Kolonisierung war jedoch vorbei.
Die in der Wikingerzeit geknüpften Handelsbeziehungen blieben bestehen;
die nordischen Länder waren jetzt allerdings Teil eines geeinten christlichen
Europas.
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